Dein Kind bekommt von dir und vom anderen Elternteil je eine Hälfte des Erbguts, aber sein Aussehen ist trotzdem keine 50:50-Mischung. Fast alle sichtbaren Merkmale, von der Augenfarbe bis zur Körpergröße, hängen von vielen Genen gleichzeitig ab. Deshalb kann ein Kind etwas zeigen, das keiner der Eltern hat, etwa die blauen Augen der Oma oder die roten Haare des Urgroßvaters.
Unten gehen wir Merkmal für Merkmal durch, was die Genetik dazu sagt, welche Schulbuchregeln nicht stimmen und was nicht in den Genen liegt.
Das Grundprinzip: zwei Kopien, eine von jedem Elternteil
Von den meisten Genen hat jeder Mensch zwei Kopien, eine von der Mutter und eine vom Vater. MedlinePlus Genetics, das Genetik-Portal der US-Gesundheitsbehörde NIH, erklärt das am Beispiel des Haarfarben-Gens MC1R: Die meisten Menschen tragen zwei funktionierende Kopien, „eine von jedem Elternteil geerbt”.
Welche deiner beiden Kopien an dein Kind weitergeht, entscheidet der Zufall, bei jedem Gen neu. Darum sehen Geschwister mit denselben Eltern oft so unterschiedlich aus: Jedes Kind hat eine andere Auswahl aus demselben Vorrat bekommen.
Dazu kommt, dass ein Merkmal selten an einem einzigen Gen hängt. Viele Gene mit kleinen Beiträgen ergeben zusammen eine Augenfarbe oder eine Körpergröße. Das macht einfache Vorhersagen nach dem Muster „braun schlägt blau” unzuverlässig.
Merkmal für Merkmal: was stark erblich ist und was nicht
Die Tabelle fasst zusammen, was die Quellen zu den Merkmalen sagen, nach denen Eltern am häufigsten fragen.
| Merkmal | Wie stark genetisch? | Was die Forschung sagt | Was sich noch ändert |
|---|---|---|---|
| Augenfarbe | stark | mehrere Gene, vor allem OCA2 und HERC2 (MedlinePlus) | Babyaugen dunkeln oft zwischen 3 und 9 Monaten nach |
| Haarfarbe | stark | MC1R steuert, ob eher dunkles oder rötliches Pigment entsteht; viele weitere Gene wirken mit | blonde Kinder haben als Teenager oft dunkleres Haar |
| Haarstruktur (glatt, wellig, lockig) | maßgeblich | mehrere Gene, eines davon heißt TCHH (MedlinePlus) | Hormone, Alter und Behandlungen verändern die Struktur |
| Körpergröße | etwa 80 Prozent | über 700 Genvarianten bekannt (MedlinePlus) | Ernährung und Lebensumstände tragen den Rest bei |
| Grübchen | vermutlich erblich | gelten als dominant, sind aber kaum erforscht (MedlinePlus) | können bei Kindern auftauchen und wieder verschwinden |
| Ohrläppchen, Zungenrollen, Kinngrübchen | unklar | folgen nicht der einfachen Schulbuchregel (McDonald) | – |
Zwei Punkte stechen heraus. Die Körpergröße ist zu etwa 80 Prozent durch geerbte Varianten bestimmt, aber eben nicht zu 100: MedlinePlus nennt Ernährung, die Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft, Rauchen in der Schwangerschaft und soziale Faktoren. Und bei Grübchen ist die verbreitete Aussage „dominant vererbt” eher Annahme als Ergebnis, denn laut MedlinePlus sagen manche Forschende, dass es keinen Beweis für die Erblichkeit gibt.
Details findest du in den Einzelartikeln zur Augenfarbe beim Baby, zur Haarfarbe, zu Locken, zu Grübchen und zur Hautfarbe. Alle Themen rund ums Aussehen sammelt der SeeMyBaby-Blog.
Warum Merkmale eine Generation überspringen
Ein Merkmal der Großeltern kann beim Enkel wieder auftauchen, weil die Eltern die passende Genvariante tragen, ohne sie zu zeigen. Das National Human Genome Research Institute definiert eine rezessive Variante so: Sie erzeugt das Merkmal nicht, wenn nur eine Kopie vorhanden ist. Erst wenn ein Kind von beiden Eltern je eine solche Kopie bekommt, wird sie sichtbar.
Bei echtem Aussehen ist es meist noch verwickelter, weil viele Gene zusammenspielen. Die alten Familienstudien, die der Genetiker John McDonald von der University of Delaware zusammengetragen hat, zeigen das gut:
- Rote Haare: Schon 1909 beschrieben Forschende viele Fälle, in denen zwei braunhaarige Eltern ein rothaariges Kind bekamen. Umgekehrt hatten in einer Studie von 1943 13 von 114 Kindern zweier rothaariger Eltern keine roten Haare.
- Blaue Augen: In einer Studie von 1918 hatten 26 von 223 Kindern zweier blauäugiger Eltern keine blauen Augen.
Ein konkretes Beispiel: Beide Eltern haben braune Augen, der Opa mütterlicherseits und die Oma väterlicherseits blaue. Dann ist es gut möglich, dass beide Eltern Varianten für hellere Augen weitertragen. Kommen diese beim Kind zusammen, hat es die Augen der Großeltern.
Schulbuchregeln, die so nicht stimmen
Viele Merkmale, die im Biologieunterricht als Beispiel für einfache Vererbung dienen, folgen dieser Regel in Wirklichkeit nicht. McDonald hat in seiner Sammlung „Myths of Human Genetics” 19 solcher Merkmale geprüft.
- Angewachsene Ohrläppchen: Zwei Eltern mit angewachsenen Ohrläppchen können ein Kind mit freien Ohrläppchen haben.
- Zunge rollen: Eltern, die es nicht können, können ein Kind haben, das es kann.
- Kinngrübchen: Eltern mit glattem Kinn können ein Kind mit Kinngrübchen bekommen.
- Augenfarbe: Blauäugige Eltern können ein Kind mit braunen, grünen oder haselnussbraunen Augen haben. Auch MedlinePlus schreibt, das sei ungewöhnlich, aber möglich.
Für die Praxis heißt das: Wenn dein Kind ein Merkmal hat, das ihr beide nicht habt, ist das kein Rätsel und kein Grund zum Misstrauen. Es ist der Normalfall bei Merkmalen, an denen viele Gene beteiligt sind.
Was nicht in den Genen liegt: Alter, Hormone, Umwelt
Ein Teil des Aussehens entsteht erst nach der Geburt und verändert sich über Jahre. Gerade bei Babys ist das, was du in den ersten Wochen siehst, oft noch nicht das Endergebnis.
- Augen: Die Farbe ändert sich laut Cleveland Clinic meist zwischen 3 und 9 Monaten, und bis zur endgültigen Farbe kann es bis zu drei Jahre dauern.
- Haare: Fast alle Babys verlieren in den ersten Monaten einen Teil ihrer Haare, und hellblonde Kinder dunkeln häufig bis zur Pubertät nach (MedlinePlus).
- Größe: Ernährung und Lebensumstände formen den Anteil, den die Gene offenlassen.
- Gesicht: Kopfform, Wangen und Nase verändern sich in den ersten Lebensjahren deutlich. Wie das abläuft, steht in Wie sich das Babygesicht verändert.
Wem das Baby ähnlich sieht: was Studien zeigen
Die Frage, ob Babys eher dem Vater ähneln, ist nicht so klar beantwortet, wie oft behauptet wird. Eine bekannte Studie in Nature fand 1995, dass Fremde einjährige Kinder auf Fotos eher dem Vater zuordneten (Christenfeld und Hill). Eine größere Wiederholung kam 1999 zu einem anderen Ergebnis und trägt den Wiederholungsversuch schon im Titel: „A Failure to Replicate Christenfeld and Hill”.
Mehr dazu, auch warum Verwandte so oft „ganz der Papa” sagen, liest du in Wem sieht das Baby ähnlich?.
Ein Porträt aus beiden Elternfotos
Wenn du einfach neugierig bist, wie eine Mischung aus euch beiden aussehen könnte, gibt es in SeeMyBaby das Porträt aus Elternfotos. Du lädst je ein Foto von beiden Eltern hoch, und die App stellt sich ein Neugeborenes vor, das Züge von beiden verbindet. Vorher fragt sie, was dich am meisten interessiert: Augen, Nase und Lächeln, Haare oder die Familienähnlichkeit.
Wichtig ist, was die App nicht tut: Sie rechnet keine Gene aus und kennt weder die blauen Augen der Oma noch eure Erbanlagen. Das Ergebnis ist ein vorgestelltes Porträt zum Spaß, keine Vorhersage. Die Genetik oben erklärt, warum das auch gar nicht anders ginge.
Quellen
- MedlinePlus Genetics (NIH): Is eye color determined by genetics?
- MedlinePlus Genetics (NIH): Is hair color determined by genetics?
- MedlinePlus Genetics (NIH): Is hair texture determined by genetics?
- MedlinePlus Genetics (NIH): Is height determined by genetics?
- MedlinePlus Genetics (NIH): Are dimples inherited?
- National Human Genome Research Institute: Recessive
- McDonald JH: Myths of Human Genetics, University of Delaware, 2011.
- Cleveland Clinic: When do babies’ eyes change color?
- Christenfeld N, Hill EA: Whose baby are you? Nature, 1995.
- Brédart S, French RM: Do babies resemble their fathers more than their mothers? Evolution and Human Behavior, 1999.
Was Eltern oft fragen
Erbt man mehr von der Mutter oder vom Vater?
Bei den Genen im Zellkern bekommt ein Kind von beiden Eltern gleich viel, je eine Kopie. Welche Merkmale am Ende sichtbar werden, hängt davon ab, wie die Varianten zusammenspielen, nicht davon, von wem sie kommen.
Können Merkmale von den Großeltern vererbt werden?
Ja. Eltern können Varianten tragen, die bei ihnen nicht sichtbar sind, und an ihr Kind weitergeben. Kommen zwei solche Varianten zusammen, zeigt das Kind ein Merkmal der Großeltern.
Können zwei blauäugige Eltern ein braunäugiges Kind bekommen?
Ja, das ist ungewöhnlich, aber möglich, weil an der Augenfarbe mehrere Gene beteiligt sind. In einer alten Familienstudie hatten 26 von 223 Kindern blauäugiger Eltern keine blauen Augen.
Ist die Körpergröße vererbt?
Zu einem großen Teil: Laut MedlinePlus wird die Körpergröße zu etwa 80 Prozent durch geerbte Genvarianten bestimmt. Den Rest machen Ernährung und Lebensumstände aus.





