Die meisten Babys sehen beiden Eltern ähnlich, und welcher Seite mehr, ist von Kind zu Kind verschieden. Die oft zitierte Studie von 1995, nach der Einjährige eher dem Vater gleichen, ließ sich in späteren Untersuchungen nicht bestätigen. Wenn unbeteiligte Personen urteilen, ähneln Neugeborene in den ersten Tagen sogar eher der Mutter. Dass trotzdem so viele „ganz der Papa!” sagen, hat mehr mit uns Erwachsenen zu tun als mit dem Gesicht des Babys.
Die Studie von 1995: „Babys sehen aus wie der Vater”
Der Mythos hat eine wissenschaftliche Quelle. 1995 veröffentlichten Nicholas Christenfeld und Emily Hill von der University of California in San Diego in der Zeitschrift Nature einen kurzen Beitrag mit dem Titel „Whose baby are you?“.
Ihr Versuch war einfach: Fremde bekamen Fotos von Kindern und sollten sie den richtigen Eltern zuordnen. Bei den einjährigen Kindern gelang das mit den Fotos der Väter deutlich besser als mit denen der Mütter. Die Autoren deuteten das evolutionär: Ein Baby, das dem Vater gleicht, gibt ihm Sicherheit, dass es sein Kind ist, und er kümmert sich eher.
Die Erklärung klang plausibel, die Geschichte war eingängig, und sie landete in unzähligen Elternratgebern. Das Problem: Die Studie war klein, und spätere Versuche kamen zu anderen Ergebnissen.
Was spätere Studien fanden
Keine einzige Folgestudie hat das Ergebnis von 1995 sauber bestätigt. Die Psychologin Paola Bressan sagte dem Scientific American, keine Studie habe den Befund wiederholt oder gestützt.
| Studie | Wer wurde verglichen | Ergebnis |
|---|---|---|
| Christenfeld & Hill, 1995 | Fotos von Kleinkindern, darunter Einjährige | Einjährige wurden eher dem Vater zugeordnet |
| Brédart & French, 1999 | Kinder mit 1, 3 und 5 Jahren | Väter und Mütter wurden gleich gut zugeordnet |
| McLain und Kollegen, 2000 | Neugeborene in den ersten drei Tagen | unbeteiligte Personen sahen mehr Ähnlichkeit mit der Mutter |
| Bressan & Grassi, 2004 | Einjährige, größere Fotoauswahl | manche ähneln eher dem Vater, manche eher der Mutter, die meisten beiden etwa gleich |
| Alvergne, Faurie & Raymond, 2007 | Kinder von der Geburt bis 6 Jahre | Neugeborene ähnelten eher der Mutter; Mädchen blieben eher mutterähnlich, bei Jungen verschob es sich mit dem Alter zum Vater |
Der Titel der Arbeit von 1999 sagt schon alles: „A Failure to Replicate Christenfeld and Hill (1995)“. Die Studie von 2007 zeigt außerdem, dass die Antwort vom Alter und vom Geschlecht des Kindes abhängt. Eine einfache Regel gibt es nicht.
Warum trotzdem alle „ganz der Papa” sagen
Gerade Mütter betonen die Ähnlichkeit mit dem Vater, auch wenn sie objektiv nicht größer ist. Das fand die Arbeitsgruppe um Kelly McLain: Unbeteiligte sahen bei Neugeborenen mehr von der Mutter, die Mütter selbst sprachen aber eher vom Vater. Die Forschenden schrieben, die Art, wie Mütter Ähnlichkeit kommentieren, spiegele nicht die tatsächliche Ähnlichkeit wider.
Ihre Vermutung: Der Satz „Er sieht genau aus wie du” bestärkt den Vater in seiner Rolle. Das ist eine Hypothese, kein Beweis. Ein paar alltägliche Gründe kommen dazu:
- Wir suchen, was wir kennen. Ein Neugeborenengesicht ist rund und unbestimmt. Wer ein bestimmtes Merkmal erwartet, etwa Papas Kinn, findet es.
- Familien sehen ihre eigene Seite. Oma väterlicherseits erkennt den Sohn, Oma mütterlicherseits die Tochter. Beide haben ein bisschen recht.
- Der Satz ist freundlich. „Ganz der Papa” ist ein Kompliment an alle Beteiligten und kostet nichts.
Warum sich die Ähnlichkeit in den ersten Jahren verändert
Ein Neugeborenes zeigt erst einen Teil seiner späteren Züge. Die Nase ist flach, die Wangen voll, die Augenfarbe kann sich noch ändern (mehr dazu in Augenfarbe beim Baby). Wer nach drei Wochen „ganz der Papa” sagt, sagt nach drei Jahren vielleicht „die Augen der Mama”.
Wie Neugeborene in den ersten Tagen aussehen, erklärt Wie sehen Neugeborene aus?. Wie sich das Gesicht danach verändert, steht in Baby: Veränderung im Aussehen, und welche Merkmale wie vererbt werden, in Vererbung des Aussehens.
Selbst ausprobieren: der Fremden-Test
Ihr könnt den Versuch der Forschenden mit wenig Aufwand nachspielen. Das macht auf einem Familienfest oder in der Elterngruppe Spaß und ist ehrlicher als jede Großtante.
So geht’s:
- Ein Babyfoto auswählen, frontal, ohne Mütze und ohne Schnuller.
- Drei Fotos von Frauen und drei von Männern daneben legen: je eines von Mutter und Vater, dazu Fotos von Erwachsenen ähnlichen Alters, die die Testpersonen nicht kennen. Alle Fotos ähnlich zugeschnitten.
- Personen fragen, die eure Familie nicht kennen, zum Beispiel Kolleginnen oder Leute aus dem Sportverein: „Welche Frau und welcher Mann sind die Eltern?”
- Treffer zählen. Wenn der Vater öfter richtig erkannt wird als die Mutter, habt ihr euren eigenen kleinen Befund.
Ein Ergebnis mit zehn Befragten ist kein wissenschaftlicher Beweis. Aber es ist ein besseres Argument als „Das sieht man doch!“.
Beide Gesichter in einem Bild: das Elternfoto-Porträt
Wer vor der Geburt neugierig ist, kann mit SeeMyBaby ein Babyporträt aus zwei Elternfotos erstellen: Ein Foto der Mutter und eines des Vaters ergeben ein imaginiertes Neugeborenes, das beide verbindet. Das Porträt ist eine Vorstellung zum Spaß, keine Vorhersage. Wie die Forschung zeigt, lässt sich nicht einmal nach der Geburt sicher sagen, wem ein Baby ähnlicher sieht.
Wenn ihr wissen wollt, wie dasselbe Kind als Kleinkind wirken könnte, gibt es in der App eine Vorschau mit vier Jahren als Einmalkauf; mehr dazu auf Wie sieht mein Baby später aus?. Alle Artikel stehen im SeeMyBaby-Blog.
Quellen
- Christenfeld NJ, Hill EA: Whose baby are you? Nature, 1995.
- Brédart S, French RM: Do babies resemble their fathers more than their mothers? A failure to replicate Christenfeld and Hill (1995). Evolution and Human Behavior, 1999.
- McLain DK, Setters D, Moulton MP, Pratt AE: Ascription of resemblance of newborns by parents and nonrelatives. Evolution and Human Behavior, 2000.
- Bressan P, Grassi M: Parental resemblance in 1-year-olds and the Gaussian curve. Evolution and Human Behavior, 2004.
- Alvergne A, Faurie C, Raymond M: Differential facial resemblance of young children to their parents: who do children look like more? Evolution and Human Behavior, 2007.
- Scientific American: Fact or Fiction: Do Babies Resemble Their Fathers More Than Their Mothers?
Was Eltern oft fragen
Sehen Neugeborene eher aus wie der Vater?
Nein. In Studien mit unbeteiligten Beurteilern ähnelten Neugeborene in den ersten Tagen eher der Mutter. Die Studie, die das Gegenteil fand, ließ sich nicht wiederholen.
Wann sieht man, wem das Baby ähnlich sieht?
Erst nach und nach. Neugeborenengesichter verändern sich in den ersten Monaten und Jahren stark, und die Ähnlichkeit kann sich verschieben.
Sehen Mädchen eher aus wie der Papa?
Die Studie von 2007 fand das Gegenteil: Mädchen ähnelten von der Geburt bis sechs Jahre eher der Mutter. Im Einzelfall kann es trotzdem ganz anders sein.
Gibt es eine App, die zeigt, wem das Baby ähnlich sieht?
Apps wie SeeMyBaby können aus Elternfotos ein imaginiertes Babyporträt erstellen. Das ist ein Spiel mit beiden Gesichtern, keine Aussage darüber, wem euer Kind wirklich ähneln wird.
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